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37signals hat vor kurzem ein Interview mit Bill Hamilton, dem Präsidenten von TechSmith, gemacht. Das Interview könnt Ihr auch auf der englischen Visual Lounge lesen. Wir finden das Interview so gut gelungen, dass wir Euch heute die Fragen und Antworten auch auf Deutsch präsentieren möchten. Haben Ihr weitere Fragen an Bill?
Wie erfolgreich ist TechSmith Corporation? Haben Sie konkrete Zahlen für uns?
Bill Hamilton: Wir sind von 1,8 Millionen Dollar in 1999 auf über 34 Millionen Dollar in 2009 gewachsen. Wir haben in jedem dieser Jahre Gewinn gemacht und dabei nebenbei noch mehrere neue Produkte auf den Markt gebracht; darunter einige, die heute in vier verschiedenen Sprachversionen zur Verfügung stehen: Deutsch, Französisch, Koreanisch und Japanisch. Heute haben wir über 200 Mitarbeiter, in 1999 waren nur etwa ein Dutzend Angestellte bei TechSmith beschäftigt.
Wie haben Sie sich am Anfang finanziert?
Bill Hamilton: Wir mussten mit jedem Pfennig rechnen! Am Anfang haben wir Programmieraufträge angenommen und haben Beratungsdienste geleistet, solange bis wir in 1994 komplett produktfinanziert waren. Davor haben wir auf Vertragsbasis gearbeitet.
Wie viele Angestellte haben Sie heute? Welche Kriterien sind bei der Einstellung neuer Mitarbeiter wichtig für Sie?
Bill Hamilton: Wir haben 210 Angestellte. Wir suchen qualifizierte neue Mitarbeiter, die offen und ehrlich sind und außerdem aufgeschlossen gegenüber neuen Informationen und Entwicklungen. Das gehört in dieser Industrie einfach dazu. Wir suchen Leute, die motiviert sind, lebenslang zu lernen. Außerdem legen wir Wert darauf, dass jemand effizient im Team zusammenarbeiten kann.
Unser Personalbestand ist sehr stabil. Für viele unserer Team-Mitglieder ist TechSmith der erste und einzige Arbeitgeber seit dem Uni-Abschluss. Das bedeutet für uns Konsistenz in der Softwareentwicklung und auch in anderen Unternehmensbereichen.
Können Sie die Unternehmenskultur und das Arbeitsumfeld bei TechSmith etwas näher beschreiben?
Bill Hamilton: Hier bei TechSmith legen wir großen Wert darauf, langjährige und beständige Kundenbeziehungen aufzubauen. Auch alle unsere internen Entscheidungen beruhen auf diesem Prinzip. Wir sind auch in unserer internen Kommunikation offen und ehrlich; wir informieren unsere Mitarbeiter über die Geschäftssituation und die Finanzlage des Unternehmens. Auf diese Weise können alle Mitarbeiter nicht nur ihre eigene Entwicklung beeinflussen, sondern auch an Unternehmensentscheidungen mitwirken und diese verstehen.
Wir sind fast wie eine Familie. TechSmith ist ein ausgezeichnetes Beispiel für ein Unternehmen, das in kurzer Zeit sehr stark gewachsen ist, ohne dabei die enge Bindung untereinander zu verlieren. Es macht Spaß bei TechSmith zu arbeiten. Wir arbeiten hart, aber wir finden auch Zeit für Spiel und Spaß. Kreativität und Kommunikation werden bei uns groß geschrieben. Ein Beispiel ist unser wöchentliches Meeting jeden Montag Morgen. Hier kommunizieren wir neue Ideen, was wir am Wochenende entdeckt haben, Meinungen, Familienneuigkeiten und neue Erkenntnisse und Erfahrungen. Balance zwischen Berufs- und Privatleben ist sehr wichtig für uns und unsere TechSmith-Familie.
Informieren Sie Ihre Mitarbeiter über alle Geschäftsdetails und finanziellen Informationen? Was ist Ihr Rat an Unternehmen, die das für nicht realisierbar halten? Gibt es Pro & Contra-Argumente für diese Offenheit?
Bill Hamilton: Informationen können manchmal beunruhigend sein, besonders wenn die Wirtschaftslage angespannt ist, oder wenn Mitarbeiter von früheren Arbeitgebern daran gewöhnt sind, nur geschönte Informationen zu bekommen. Wir glauben, dass realistische Informationen im Endeffekt für unsere Mitarbeiter und deren Arbeit von Vorteil sind. Das gilt für Verkaufszahlen sowie Feedback von Kunden.
210 Mitarbeiter jeden Montag Morgen erzählen zu lassen, was sie am Wochenende gemacht haben, scheint nicht praktikabel zu sein. Wie schaffen Sie es, dass sich jeder einbezogen fühlt, ohne die Firma stundenlang lahm zu legen?
Bill Hamilton: Ganz einfach, wir ziehen Namen und fragen, wer etwas zu erzählen hat. Als wir noch weniger Leute waren, hat jeder rundum etwas gesagt.
Sie haben betont, dass in einer kleinen Firma jeder bereit sein muss, viele verschiedene Funktionen zu übernehmen. Warum ist das so? Was haben Sie schon alles für Jobs gemacht?
Bill Hamilton: Damit alles gut funktioniert, müssen bestimmte grundlegende Aufgaben erfüllt werden; egal ob die Firma einen oder tausend Mitarbeiter hat. Jeder tut, was getan werden muss. Ich habe zum Beispiel programmiert, Marketing gemacht, die Entwicklungsteams überwacht und auch die Gehaltsabrechnung erledigt. Ich mache auch den Pausenraum ab und zu sauber!
Welche Fehler haben Sie am Anfang in Personalfragen oder Marketing gemacht? Fallen Ihnen irgendwelche konkreten Beispiele ein?
Bill Hamilton: Ich habe hunderte von Fehlern aller Art gemacht. Einmal habe ich jemanden eingestellt, dem ich nicht 100% getraut habe, weil ich seine Erfahrungen in unserem Industriezweig brauchte. Das war ein Riesenfehler. Ich hätte ihn als Berater engagieren sollen, aber nicht einen Menschen mit mangelnder Integrität in unsere Firma holen sollen. Das Wichtige an Fehlern ist, dass man sie erkennt, die Ursache analysiert und dann entsprechend korrigiert und weitermacht! Fehler zu vermeiden ist nur dann möglich, wenn man sich nicht von der Stelle rührt und inaktiv bleibt. Das ist in unserer Branche tödlich.
Jemanden zu feuern, sollte immer ein schmerzhafter Prozess sein. Im Grunde ist das nämlich auch das Eingeständnis des eigenen Versagens. Trotzdem sollte man es tun und daraus lernen. Jemanden um jeden Preis in der Firma zu halten, ist ebenso falsch und ein schlechter Dienst für das Unternehmen, alle anderen Mitarbeiter und auch denjenigen, der eigentlich gehen und daraus lernen sollte.
War es für TechSmith vorteilhaft, außerhalb von Silicon Valley zu operieren, oder nicht?
Bill Hamilton: Ja. Beides. Nicht in Silicon Valley zu sein, hat Vor- und Nachteile.
Ein Vorteil für uns ist, dass unser Personalbestand weit größere Fluktuationen aufweisen würde, wenn wir in Silicon Valley wären. Ich denke auch, dass hier in Michigan eine bessere Balance zwischen Beruf und Privatleben gegeben ist; das hat langfristige Vorteile. Da wir auch die Michigan State Universität in der Nähe haben, haben wir Zugang zu internationalen Ressourcen und talentiertem Nachwuchs in Computertechnik und anderen wichtigen Bereichen, die wichtig sind für TechSmith.
Nachteilig ist, dass wir nicht so unmittelbar in Kontakt mit anderen Branchenexperten stehen wie das in Silicon Valley der Fall wäre. Das direkte Networking und die Möglichkeit, Ideen mit anderen aus der Branche, vor Ort zu besprechen und Feedback zu bekommen, das fehlt hier ein wenig. Wir bemühen uns aber, das wo immer das möglich ist, zustande zu bekommen. Manchmal erleben wir auch, dass wir unsere eigenen Leute für eine spezielle Sonderaufgabe weiterbilden müssen, weil es keine externen Bewerber vor Ort gibt, die eine bestimmte Lücke füllen könnten.
Ist diese Art der spezialisierten internen Weiterbildung etwas, das Sie anderen Unternehmen empfehlen würden, um solche Lücken zu füllen (statt externe Bewerber einzustellen)? Und warum?
Bill Hamilton: Das war eine Frage der Notwendigkeit. Wenn ich diese Option hätte, würde ich lieber beides machen, sowohl interne Mitarbeiter weiterbilden als auch externe einstellen. Das wäre eine bessere Alternative als sich nur auf das eine oder das andere zu verlassen.
Was können Sie anderen Unternehmen empfehlen, wenn es um die Einstellung von neuen Mitarbeitern geht?
Bill Hamilton: Achten Sie auf wichtige Grundwerte. Integrität ist ungeheuer wichtig. Und ignorieren Sie nicht Warnsignale wie innere Zweifel oder ein schlechtes Gefühl im Bauch. Trauen Sie Ihrem eigenen Instinkt und Menschenverstand. Andererseits braucht man manchmal auch Leute, die nicht so recht ins Umfeld passen.
Wie differenzieren Sie sich von Ihren Konkurrenten?
Bill Hamilton: Ehrlich gesagt, verschwenden wir nicht viel Zeit darauf, uns von der Konkurrenz zu differenzieren. Wir nehmen uns stattdessen die Zeit, mit unseren Kunden ausführlich zu sprechen, und wir finden so heraus, welche Probleme bestehen, welche Funktionen gewünscht und gebraucht werden und vieles mehr. Wir wollen nicht in eine Situation geraten, in der wir nur versuchen mit der Konkurrenz immer genau gleich zu ziehen.
Was ist Ihr Unternehmensziel für TechSmith?
Bill Hamilton: Das ist eine schwierige Frage für uns. Unser Hauptziel ist es, unsere Kunden zufrieden zu stellen. Wir beobachten auch das Zusammenspiel ungelöster Probleme mit örtlichen Fokusthemen und versuchen, die Zusammenhänge zu verstehen. Wo uns das hinführen wird, kann ich nicht sagen. Diese Branche ist viel zu dynamisch für solche Voraussagen. Wenn ich 10 Jahre zurückblicke, dann hätte ich damals nie im Leben voraussagen können, wo dieses Abenteuer uns bis heute hingeführt hat.
Welchen Rat geben Sie jemand, der eine neue Firma gründen will?
Bill Hamilton: Es ist wichtig zu lernen, was die Komponenten eines Unternehmens ausmacht. Es zahlt sich aus, zuerst für ein anderes kleines Unternehmen zu arbeiten, bevor man sich selbständig macht, wenn Sie diese Erfahrung noch nicht haben. Wenn Sie noch nie jemanden eingestellt oder gefeuert haben, noch nie Gehaltsabrechnungen oder Marketing gemacht haben, dann kann es sehr lohnend sein, das erst von anderen zu lernen. Ich habe diese Chance nicht gehabt. Viele sind aber auch ohne das erfolgreich! Es kommt eben darauf an, was individuell am besten funktioniert.
Gibt es andere Unternehmensaspekte, die für unsere Leser interessant sein könnten?
Bill Hamilton: Ich denke, dass Experimente enorm wichtig sind. Man weiß zwar nicht, ob sie funktionieren werden oder nicht, aber dann sollte man in der Rückschau analysieren, was man daraus lernen konnte ... und weitermachen. Viele Experimente werden fehlschlagen, aber langfristig gesehen, werden sie zum Unternehmenserfolg beitragen. Anders ausgedrückt: Haben Sie keine Angst vor Misserfolgen.
Ich wurde einmal gefragt, was ein Unternehmer ist. Meine Antwort war: „Jemand, der zweimal fast sein Haus verloren hätte." Das trifft auch für mich zu! Lassen Sie sich davon nicht entmutigen. Das ist Teil des Erfolgsprozesses.
Welche Experimente haben für TechSmith funktioniert, welche sind fehlgeschlagen?
Bill Hamilton: Eines unserer allerersten Produkte (eine DDE- Entwicklungsbibliothek) wurde von Microsoft unter den Tisch gefegt. Deren DDE-Bibliothek war zwar nicht so gut, aber sie war von Microsoft und noch dazu kostenlos. So ist das, wenn man mit Industriegiganten konkurrieren muss. Lang sollen sie leben, die Elefanten.